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Löwenkind_online Anregungen
Zeitempfinden in der Krankheit

die Überschrift manchmal hat die Zeit eine schöne Farbein Regenbogenfarben

wie der Umgang mit Krankheit unser Zeitempfinden positiv verändern kann

es gibt also neben der Zeit auf dem Wecker
und der Zeit, die immer gerade vorbeigeht,
noch eine dritte Zeit,
die wird von der Menschenuhr gemessen (1)

Zeit haben, Zeit gebrauchen heißt für uns entscheiden zu können, was mit der Zeit, unserer Lebenszeit geschieht.

Bewusst leben heißt für uns, Zeit zu nutzen. Denn wir teilen in unserem Bewusstsein die erlebte Zeit ein: Neben dem Erledigen von Notwendigkeiten entwerfen wir Ziele, machen Pläne. Erfüllt scheint uns die Zeit, wenn wir auf das Geplante hinarbeiten können und es eingetreten ist. Oder wenn uns viel Zeit zur Verfügung steht für das, was wir lieben und was uns wichtig ist. Ein Wechselspiel zwischen erfüllter und vermeintlich leerer Zeit wird dabei nicht immer gerne ertragen. Leere Zeit erleben, das ist für uns gleichbedeutend mit “Zeit verlieren”. Die meisten Menschen, die aufgefordert werden, Zeit grafisch darzustellen, zeichnen einen Pfeil, Symbol für eine lineares Fortschreiten.

Schwere Krankheit zu durchleben, die eigene oder die eines Angehörigen, der gepflegt und begleitet werden muss, kommt für die meisten damit gleich, eine leere Zeit ertragen zu müssen:

Vor allem der Krankenhausaufenthalt stellt unser Zeitverständnis auf den Kopf: die meisten Patienten oder Begleiter von Betroffenen empfinden den Wechsel von blitzartigem Zugriff für OP`s und Behandlungen und den endlos langen Wartezeiten als Entfremdung von dem “eigenen” Zeitgefühl. Nur selten gelingt es, die zeitliche Situation der Betroffenen mit der der Klinik abzustimmen. Endlos lange Wartezeiten auf Behandlungen, Eingriffe, Ergebnisse sind nur mit Erwartungsangst und Anspannung gefüllt, abwechselnd mit endloser Langeweile. Warteräume sind Stauräume. Die folgenden Behandlungen enttäuschen meist das Bedürfnis, nun endlich “Zeit” zu erhalten, die einem als Patient oder Angehörigem zusteht. Wir fühlen uns bestätigt in unserer Angst vor dem Verlust unserer Zeit.

Die Institution macht es uns nicht leicht, einen eigenen, neuen Zeittakt zu finden. Sie kann selten auf den rechten Zeitpunkt eines Patienten eingehen. Die Momente für Gespräche, ein Nachsinnen, eine Auseinandersetzung mit der Diagnose, eine Verarbeitung, die erst einen Weg zur Heilung öffnen kann, sie werden selten angeboten und manchmal werden sie auch selten gesucht. Die Zeitspanne zwischen und nach Klinikaufenthalten gibt den Betroffenen zwar das Gefühl einer eigenen Autonomie etwas zurück, der gewohnte Alltag mit seinen Zeitabläufen kehrt aber nicht sofort oder gar nicht mehr zurück:

Hilfreich kann dabei nur eines sein: Das Anerkennen der “Leere” oder der “Farblosigkeit” der Zeit, erst das schafft einen Freiraum für eine Verarbeitung und damit für einen neuen Lebensentwurf, den die Zukunft trägt. Schwer zu akzeptieren in einer Gesellschaft, die Zeit vor allem linear als einen Pfeil sieht:

Wir sehen gerne das volle Erleben, das erfolgreiche Planen von Zielen für einen Zeitraum. Auch wenn wir manchmal ahnen, wie gefährlich es ist, alle Lebenssituationen nur als Durchlauferhitzer für zu erreichende Ziele zu erkennen. Leben muss sich aber auch darin verwirklichen können, Zeit zu “verlieren”. Die vermeintliche Zeitlosigkeit einer Krankheit oder einer Pflege, die sich widerständig zeigt gegen ein ständiges aktives Einsetzen und “effektives” Nutzen unserer Lebenszeit, kann auf dem Zeitpfeil unseres Lebens den Blick für den einzelnen Zeitpunkt schärfen:

Manchmal kann gerade ein einzelner Augenblick das Verständnis für die Qualität von Zeit offenbaren. “Kairos” heißt der Begriff aus Philosophie und Theologie, um dies zu verdeutlichen: Eine einmalige Gelegenheit, die Besonderheit eines “Zufalls”, das Gefühl zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, vielleicht sogar das Gefühl der Weisung aus einer höheren Welt. Das Erkennen, das Spüren einer solchen wichtigen Begegnung, eines prägenden Ereignisses ist allerdings nur möglich, wenn wir uns auch die Zeit nehmen, den Blick auf einzelne Zeitpunkte in unserem Leben zu wenden. Dann können wir die Bedeutung eines bestimmten Zeitpunkts im Zusammenhang mit unserem Lebenslauf erkennen. Auch wenn es schmerzhaft ist, einen Augenblick erleiden zu müssen, zum Beispiel durch das Erleben einer Krankheit. Aber selbst an so einem kritischen Zeitpunkt können wir durch Innehalten mit entscheiden, wie wir den Lauf unseres Lebens weiter sehen und gestalten wollen: Was sich in solchen Momenten vollzieht, kann viel mehr sein als ein passives Erleiden.

An so einem Zeitpunkt können wir viel von unseren Kindern lernen. Das allgemein gesellschaftliche Anerkennen der Tatsache, dass Kinder im Hier und Jetzt leben, gilt nicht als ein verächtliches Urteil, sondern als Bewunderung: Sich auf den Augenblick einzulassen, auch wenn der Spielraum Begrenzungen hat, diese Gabe, die sich auch schwer kranke Kinder bewahren können, lässt zum Beispiel erkennen, was es heißen kann, eine erfüllte Zeit zu genießen. Für Kinder hat die Zeit eine Farbe. Sie zeigt uns das, was Erich Fromm formulierte:

Ewigkeit ist nicht eine ins endlos verlängerte Zeit, sie ist Zeitlosigkeit, das Erlebnis des Liebens, der Freude, des Erfassens der Wahrheit im Hier und Jetzt eines Augenblicks.

(1) aus: Kleine Denker-große Gedanken, Kinder philosophieren in GEO-Wissen Nr. 29

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