Zeit haben, Zeit gebrauchen heißt für uns entscheiden
zu können, was mit der Zeit, unserer Lebenszeit geschieht.
Bewusst leben heißt für uns, Zeit zu nutzen. Denn
wir teilen in unserem Bewusstsein die erlebte Zeit ein: Neben
dem Erledigen von Notwendigkeiten entwerfen wir Ziele, machen
Pläne. Erfüllt scheint uns die Zeit, wenn wir auf
das Geplante hinarbeiten können und es eingetreten ist.
Oder wenn uns viel Zeit zur Verfügung steht für
das, was wir lieben und was uns wichtig ist. Ein Wechselspiel
zwischen erfüllter und vermeintlich leerer Zeit wird
dabei nicht immer gerne ertragen. Leere Zeit erleben, das
ist für uns gleichbedeutend mit “Zeit verlieren”.
Die meisten Menschen, die aufgefordert werden, Zeit grafisch
darzustellen, zeichnen einen Pfeil, Symbol für eine lineares
Fortschreiten.
Schwere Krankheit zu durchleben, die eigene oder die eines
Angehörigen, der gepflegt und begleitet werden muss,
kommt für die meisten damit gleich, eine leere Zeit ertragen
zu müssen:
Vor allem der Krankenhausaufenthalt stellt unser Zeitverständnis
auf den Kopf: die meisten Patienten oder Begleiter von Betroffenen
empfinden den Wechsel von blitzartigem Zugriff für OP`s
und Behandlungen und den endlos langen Wartezeiten als Entfremdung
von dem “eigenen” Zeitgefühl. Nur selten
gelingt es, die zeitliche Situation der Betroffenen mit der
der Klinik abzustimmen. Endlos lange Wartezeiten auf Behandlungen,
Eingriffe, Ergebnisse sind nur mit Erwartungsangst und Anspannung
gefüllt, abwechselnd mit endloser Langeweile. Warteräume
sind Stauräume. Die folgenden Behandlungen enttäuschen
meist das Bedürfnis, nun endlich “Zeit” zu
erhalten, die einem als Patient oder Angehörigem zusteht.
Wir fühlen uns bestätigt in unserer Angst vor dem
Verlust unserer Zeit.
Die Institution macht es uns nicht leicht, einen eigenen,
neuen Zeittakt zu finden. Sie kann selten auf den rechten
Zeitpunkt eines Patienten eingehen. Die Momente für Gespräche,
ein Nachsinnen, eine Auseinandersetzung mit der Diagnose,
eine Verarbeitung, die erst einen Weg zur Heilung öffnen
kann, sie werden selten angeboten und manchmal werden sie
auch selten gesucht. Die Zeitspanne zwischen und nach Klinikaufenthalten
gibt den Betroffenen zwar das Gefühl einer eigenen Autonomie
etwas zurück, der gewohnte Alltag mit seinen Zeitabläufen
kehrt aber nicht sofort oder gar nicht mehr zurück:
Hilfreich kann dabei nur eines sein: Das Anerkennen der “Leere”
oder der “Farblosigkeit” der Zeit, erst das schafft
einen Freiraum für eine Verarbeitung und damit für
einen neuen Lebensentwurf, den die Zukunft trägt. Schwer
zu akzeptieren in einer Gesellschaft, die Zeit vor allem linear
als einen Pfeil sieht:
Wir sehen gerne das volle Erleben, das erfolgreiche Planen
von Zielen für einen Zeitraum. Auch wenn wir manchmal
ahnen, wie gefährlich es ist, alle Lebenssituationen
nur als Durchlauferhitzer für zu erreichende Ziele zu
erkennen. Leben muss sich aber auch darin verwirklichen können,
Zeit zu “verlieren”. Die vermeintliche Zeitlosigkeit
einer Krankheit oder einer Pflege, die sich widerständig
zeigt gegen ein ständiges aktives Einsetzen und “effektives”
Nutzen unserer Lebenszeit, kann auf dem Zeitpfeil unseres
Lebens den Blick für den einzelnen Zeitpunkt schärfen:
Manchmal kann gerade ein einzelner Augenblick das Verständnis
für die Qualität von Zeit offenbaren. “Kairos”
heißt der Begriff aus Philosophie und Theologie, um
dies zu verdeutlichen: Eine einmalige Gelegenheit, die Besonderheit
eines “Zufalls”, das Gefühl zur rechten Zeit
am rechten Ort zu sein, vielleicht sogar das Gefühl der
Weisung aus einer höheren Welt. Das Erkennen, das Spüren
einer solchen wichtigen Begegnung, eines prägenden Ereignisses
ist allerdings nur möglich, wenn wir uns auch die Zeit
nehmen, den Blick auf einzelne Zeitpunkte in unserem Leben
zu wenden. Dann können wir die Bedeutung eines bestimmten
Zeitpunkts im Zusammenhang mit unserem Lebenslauf erkennen.
Auch wenn es schmerzhaft ist, einen Augenblick erleiden zu
müssen, zum Beispiel durch das Erleben einer Krankheit.
Aber selbst an so einem kritischen Zeitpunkt können wir
durch Innehalten mit entscheiden, wie wir den Lauf unseres
Lebens weiter sehen und gestalten wollen: Was sich in solchen
Momenten vollzieht, kann viel mehr sein als ein passives Erleiden.
An so einem Zeitpunkt können wir viel von unseren Kindern
lernen. Das allgemein gesellschaftliche Anerkennen der Tatsache,
dass Kinder im Hier und Jetzt leben, gilt nicht als ein verächtliches
Urteil, sondern als Bewunderung: Sich auf den Augenblick einzulassen,
auch wenn der Spielraum Begrenzungen hat, diese Gabe, die
sich auch schwer kranke Kinder bewahren können, lässt
zum Beispiel erkennen, was es heißen kann, eine erfüllte
Zeit zu genießen. Für Kinder hat die Zeit eine
Farbe. Sie zeigt uns das, was Erich Fromm formulierte:
Ewigkeit ist nicht eine ins endlos verlängerte Zeit,
sie ist Zeitlosigkeit, das Erlebnis des Liebens, der Freude,
des Erfassens der Wahrheit im Hier und Jetzt eines Augenblicks.
(1) aus: Kleine Denker-große Gedanken,
Kinder philosophieren in GEO-Wissen Nr. 29 |