Vom Abenteuer, einen Film zu Machen

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Die Vorgeschichte unseres Projektes: wie alles begann...

Vor 2 Jahren  wurde uns bewusst, dass die ersten Löwenkinder, die unsere Arbeit begleiteten, zu Jugendlichen herangewachsen waren. So war es naheliegend, zu überlegen, im Rahmen unserer Aktivitäten auch ein Projekt für ihre Altersgruppe anzubieten. 
Zur selben Zeit hob die Aktion Mensch ihr Gesellschafter Programm aus der Taufe, das Vereinen und Projekten wie uns auf breiter Basis eine Teilhabechance gab, durch Förderung und vielfältige Diskussionsplattformen mitzuwirken an der Frage: in welcher Gesellschaft wollen wir leben ? Welche Lebensentwürfe sind möglich, welche Lebenswege können in unserem Land beschritten werden, für was wollen und können wir uns engagieren.
Neben diesen Diskussionen fanden Jugendliche weiterhin im Fernsehen ihre Themen behandelt, in den Soaps und Telenovelas am Vorabend, die Geschichten um Jugendwünsche und Träume erzählen,  meistens mit den üblichen Klischees, den üblichen Bildern von dem vermeintlich perfekten Leben. Damals geschah allerdings etwas Unerwartetes: das „hässliche Entlein“ Lisa Plenske aus der Serie „Verliebt in Berlin“ eroberte im Sturm die Herzen der jugendlichen Zuschauer, trotz, oder vielleicht gerade weil sie zwar liebenswert und klug, aber nicht gertenschlank und supermodisch war.  Lisas Erfolg machte ihre Verwandlung zum Schluss eigentlich unwichtig, viele Jugendliche hätten sie lieber weiterhin so vermeintlich unattraktiv gesehen, weil es ihnen Mut machte, dass jemand auch jenseits der äußerlichen Medienperfektion seinen Lebensweg gehen kann. Eine Telenovela muss nun allerdings zu ihrem Glücksversprechen stehen….. 
Wie wäre die Serie  aber eigentlich ausgegangen, wenn Lisa zum Beispiel mit einer Krankheit oder Behinderung gelebt hätte, die sie am Schluss nicht hätte ablegen können wie Fatsuit und Zahnspange. Wie hätte ihr Glück dann ausgesehen,  welchen Weg hätte sie dann gehen können ?

Die Idee des Projektes

Als wir uns diese Frage spielerisch stellten, entstand die Idee zu unserem Jugendprojekt: In einer Jugendserie würde dies wohl kaum zum Thema werden und so wollten wir versuchen, unsere Antwort zu geben. Anstelle der üblichen Medienklischees wollten wir Geschichten und Filmbilder schaffen, in denen die Betroffenen aus ihrer eigenen Sicht über ihr Lebensgefühl erzählen konnten, über ihre Wünsche und Träume, ihre Probleme und Hoffnungen, ihren eigenen, besonderen Weg im Leben. 
Die Vorstellung, einmal mit dem Medium Film zu arbeiten, fand bei Jugendlichen wie Vereinsmitarbeitern schnell großen Anklang. Es entstand die Idee, ein solcher Film könnte nach der Fertigstellung anderen Jugendlichen  im Rahmen von Selbsthilfetreffen und Jugendfestivals zur Verfügung gestellt werden, um Mut zu machen, aber auch Diskussionen anzuregen. Insofern war der Anspruch geboren, Bilder zu schaffen, die mit Witz und auch etwas Ironie  andere Jugendliche ansprechen.

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Von der Idee Zum Plan

Wir suchten zunächst nach einem Praxispartner aus dem Filmgeschäft.
Vitascope aus Prenzlauer Berg (www.vitascope.de) war unsere Wahl, denn Joachim Mühleisen und Sascha Quednau haben große Erfahrung in der Arbeit mit Laien. Die Beiden arbeiten auch oft mit dem so genannten Bastardfilm, einer Filmmontage, die einen Ursprungsfilm zitiert, um dann mit eigenen Darstellern die Handlung zu verändern. Das Hinzuziehen dieses Stilmittels rundete schließlich unsere Projektidee perfekt ab: 
Wie wäre es, die Geschichte von Lisa Plenske, die sich in „Verliebt in Berlin“ gegen alle Anfeindungen gegen ihre Person und ihr Aussehen wehrt und ihren Weg geht, in einem Bastardfilm aufzugreifen, aber dann mit unseren Darstellern anders weiter zu erzählen. Dieser Einstieg schien uns sehr gelungen, um bei anderen Jugendlichen ein Interesse zu wecken . Andererseits waren so auch  viele  Möglichkeiten gegeben, mit dem Genre der Telenovela zu spielen und auf diesem Weg Bilder über das Leben mit Krankheit und Behinderung zu schaffen, die den Aspekt der Lebensfreude, des Mutes und der besonderen Wege  betonen. 
Nach der begeisterten Annahme der Idee stand allerdings die Aufgabe, die Produktionsgesellschaft UfaGrundy und SAT 1 um die Erlaubnis und Genehmigung zu bitten, die Serie in dieser Art zitieren zu dürfen. Zu unserer großen Freude wurde uns diese Erlaubnis gegeben. Auch noch einmal an dieser Stelle ganz, ganz herzlichen Dank dafür! 

Da dann auch die Aktion Mensch im Rahmen des Programms „Gesellschafter.de“, und sogar die Jugend und Familienstiftung Berlin und das Deutsche Kinderhilfswerk diese Projektidee gut und förderungs-würdig befanden, stand nun nichts mehr im Weg, um unsere Idee „Verfilmt in Berlin“ umzusetzen. 

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Vom Plan zur Umsetzung: wir machen dann mal einen FIlm...

Voller Elan machten wir uns an die Stoffentwicklung und das Drehbuch. Einige von uns besuchten ein Serienseminar der TV Akademie Berlin, um sich besser in die Dramaturgie der Serie einfinden zu können. Schließlich kann man ja nur ironisch zitieren, was man selber kennt…. 

Wir wurden zudem noch von zwei drehbucherfahrenen Frauen unterstützt, Susan Graul und Reinhild Paul. Trotzdem haben wir im Laufe der kommenden Wochen das Konzept unserer Geschichten mehr als einmal verworfen und bereits zu diesem Zeitpunkt mehr als drei mal soviel Zeit wie geplant gebraucht. Entstanden sind schließlich  4 Geschichten um Hauptdarsteller, die mit Krankheit und Behinderung leben. Eine Gruppe von Gymnasiasten und Freunde ergänzten dann dieses Team der Darsteller. Die mit Spannung erwarteten Dreharbeiten konnten beginnen… 

Im Nachhinein müssen alle zugeben, dass sie nicht die geringste Ahnung davon hatten, wie viel, Mühe, Disziplin und Arbeit auch nur eine halbe Minute Film von allen Mitarbeitern abverlangt.   

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Alle, ob vor oder hinter der Kamera haben stundenlang in eiskaltem Regen gestanden und dann wieder unter sengender Sonne, sie sind einzelne Treppen 20mal hoch und runtergelaufen, haben endlos lange auf die Sonne hinter den Wolken oder das Vorbeifahren der Tram und von Passanten gewartet ( um dann oft vor Anspannung den Einsatz zu verpassen). Die Darsteller sind körperlich an ihre Grenzen gegangen und auch mental: sie hatten vor einigen Szenen Angst, anderes fiel ihnen schwer  oder sie waren vom Ergebnis enttäuscht. 

Aber jeder einzelne Projektteilnehmer hat im nachhinein fest gestellt: Die gemeinsame Arbeit hat vor allem unendlich viel Spaß gemacht. Es wurde unendlich viel gelacht und gescherzt, manchmal gerade über die Pannen. Alle sind auch in schwierigen Situationen immer aufeinander zugegangen, das Projekt war einfach gelebte Integration und das mit viel Leichtigkeit. Diese Leichtigkeit merkt man auch dem Film an, finden wir… und darauf sind wir alle auch schon sehr stolz. 

Vom Dreh bis zur Premiere

Bis unser Film dann einen Titel hatte, wir haben uns für Treppenläufer entschieden, und die Premiere am 17. Oktober statt fand, warteten allerdings noch ein paar richtig arbeitsintensive Wochen auf uns: Schnitt, Musik, Tonbearbeitung, Offtext…kein Laie ahnt ja, wie viel Stunden nötig sind, bis ein präsentationsfähiges Produkt auf der Leinwand zu sehen ist. Wir haben das sehr unterschätzt und schließlich stöhnend aufgehört darüber nachzudenken, um wie viel wir den Zeit- und Kostenrahmen gerade wieder überzogen hatten. Als wir dann die Premiere feierten, war das allerdings vergessen und alle Beteiligten waren nur noch stolz und glücklich! 

Und wie geht es weiter !?!

Zunächst einmal besteht ab Januar 09 das  Angebot der unentgeltlichen Präsentation des Films in Schulen, auf Selbsthilfe -, Jugendtreffs und Medienfestivals. Bei Bedarf kann dies von einzelnen Darstellern und Mitarbeitern des Projektes begleitet werden, um eine Diskussion mit den Zuschauern zu ermöglichen. 

Dann sind wir sehr stolz, dass unser Projekt den Mediamax 2008, den Jugendmedienpreis von Berlin, bekommen hat. 

Und schließlich haben wir natürlich weitere Pläne - das ganze Projekt war einfach zu gut, als dass man nun aufhören könnte !

Anhang: das Projekt in Zahlen

An den Projektarbeiten waren 32 Teilnehmer beteiligt, im Alter von 8 bis 67, davon 18  Laiendarsteller. Die technischen Arbeiten für Kamera, Schnitt, Ton, Tonbearbeitung und Musik wurden von Honorarkräften geleistet.  Alle übrigen Arbeiten, von der medienpädagogischen Betreuung bis hin zu Produktions- und Aufnahmeleitung, Kostüm, Maske, Szenenbild, Catering und Offtextaufnahmen wurden zwar professionell, aber ehrenamtlich geleistet. Die Jugendlichen konnten je nach Bedürfnis an allen Arbeitsprozessen aktiv teilhaben. 

Insgesamt liefen die Vorarbeiten für das Projekt über 18 Monate, die Produktionsarbeiten über 6 Monate, deutlich umfangreicher, als geplant. Es gab 28  Drehtage und  23 Tage Postproduktion, meistens  an Wochenenden. Die Premiere des 35 -minütigen Filmes war am 17. Oktober 2008, danach wurde unter Hinzunahme von Interviews bei der Premiere ein 15-minütiges Making-of erstellt, in dem die Jugendlichen über ihre Erfahrungen berichten.

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